CHAVERIM - Freundschaft mit Israel e.V.

Literatur - Sach- und andere Bücher



Die Kinder der Überlebenden

Die Kinder der Überlebenden
Drei Romane von Lizzie Doron

Heike Linde-Lembke

Leale kommt von „Dort“. Aus einem Erdloch. Abends, wenn es dunkel wird, holt eine Frau das Mädchen aus dem Erdloch, und Leale muss den Hof fegen. 1945 kommt sie in ein Waisenhaus bei Krakau. Aus diesem „Dort“ holt sie Mordechai, der starke Kibbuznik. Er nimmt Leale mit nach Israel. Wie viele andere jüdische Kinder, die die Shoah überlebt haben. In Erdlöchern. Und „Dort“.
„Dort hinten sitzt sie, im Flur, mager, durchsichtig, blass und zusammengesunken“, erzählt Mordechai. Leale hat keine Dokumente, keine Habe. Leale ist ein Nichts. Ein Nichts auf der Suche nach der Mutter, an die sie sich nicht erinnert. Srulik, der Mann, der „Dort“ gestreifte Anzüge nähte, holt Leale aus dem Kibbuz in ein Viertel nach Tel Aviv und heiratet sie. Zum ersten Mal scheint Leale glücklich zu sein. Ihr Sohn Etan wird geboren. Endlich eine ruhige Zeit für Leale.
Unter dem Titel „Ruhige Zeiten“ erzählt Lizzie Doron die Geschichte einer Frau, die ebenso wenig leben sollte wie die anderen in Sruliks Viertel: Dr. Wollmann, der Arzt, der immer hilft, wenn jemand durchdreht und nur noch deutsch oder polnisch spricht, Frau Poliwoda, die Schlachterfrau mit dem großen Herz für Hungernde, Rosa Orenstein, die unter Kälte leidet, Madame Butterfly, deren Sohn Alexander eines Tages von seinem Vater, einem Nazi-Deutschen, geholt wird.
Srulik stirbt. Sajtschik nimmt Leale auf, Sajtschik, der Friseur mit der blauen Nummer auf dem Unterarm, die er immer wegkratzen will. Leale arbeitet als Maniküre in Sajtschiks Frisiersalon. Als er stirbt, bricht Leales Leben, spult rückwärts, und sie erzählt von allen Menschen im Viertel, von ihren Verschrobenheiten, die alle nur eine Ursache haben: Das Unfassbare, den Kulturbruch, die Shoah.
Lizzie Doron, die mit „Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?“ eine tief bewegende Erzählung über ihre Mutter Helena vorlegte, spiegelt auch in ihrem ersten Roman das Schweigen der ersten Generation nach dem Holocaust. Etan, Leales Sohn, hält dieses Schweigen nicht aus. Er flüchtet in die USA.
Auch heute halten viele Kinder von Shoah-Überlebenden das Schweigen der ersten Generation „danach“, nach diesem „Dort“, nicht aus. In Israel bestand noch bis vor kurzem eine große Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Gedenken und dem bleiernden Schweigen in den Familien. Das Schweigen der Holocaust-Opfer ist dem Schweigen der Täter ähnlich. Beides bricht erst jetzt auf, 60 Jahre nach der Befreiung der KZs, weil es jetzt eine Generation gibt, die nach dem Woher und nach dem Wie fragt. Und nach dem „Dort“. Das Schweigen entstand auch aus dem Willen, das Unerzählbare zu vergessen. Doch als nach zwei bis drei Jahrzehnten des Schweigens offenbar wurde, dass alles, aber die Shoa nicht zu vergessen ist, bricht das Schweigen.
Auch Lizzie Doron, 1953 in Tel Aviv geboren, musste sich der Frage ihrer Tochter nach ihrer Familie stellen. So entstand ihr Buch über ihre Mutter. Die israelische Autorin hat wie viele Kinder von Überlebenden ein gespaltenes Verhältnis zu Deutschland. Einerseits sehen sie in Deutschland das Land, das sechs Millionen Juden ermordete, andererseits leben sie in der Tradition der deutschen Kultur und lieben sie.
In „Ruhige Zeiten“ wird Lizzie Doron zur Anwältin der brüchigen Existenzen dieser Menschen. Sie verteidigt die Menschen und ihre Schrullen. Sie baut ihnen ein normales Leben, das ihnen hilft, die grausamen Erinnerungen und Alpträume von „Dort“ zu überstehen. Sie schreibt ohne Anklage, mit leisem Humor und tiefem Verständnis für die Menschen. Schließlich ist Doron selbst in einem Viertel in Tel Aviv aufgewachsen, wo mehr deutsch und polnisch als hebräisch und englisch gesprochen wurde. „Ruhige Zeiten“ wurde kongenial von Miriam Pressler aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt.
In dem 2009 erschienenen Roman „Es war einmal eine Familie“ beschreibt Lizzi Doron eindringlich, wie Elisabeth nach dem Tod ihrer Mutter Helena während der siebentägigen Shiva, der Totenwache, im Haus ihrer Mutter zu ihrer Kindheit und ihrem Leben mit der Mutter zurückgeht. Das sind die fünfziger und sechziger Jahre, und sie wuchs auf inmitten von Menschen, die wie ihre Mutter Überlebende der Shoa waren und sich in Israel ein neues Leben aufbauten. Wie Elisabeth haben alle Kinder dieser Überlebenden das kleine Viertel in Tel Aviv verlassen, auf der Flucht vor den Alpträumen ihrer Eltern.
Während der Shiva kommen die alten Nachbarinnen und Nachbarn, um Helena die letzte Ehre zu erweisen. Für Elisabeth beginnt der Alptraum des Schweigens ihrer Kindheit und Jugend noch einmal. Doch am Ende erkennt sie, die mit ihrer Mutter allein aufgewachsen ist, dass sie doch eine große Verwandtschaft hat – die des ganzen Viertels. Auch wenn es ein Viertel des Schweigens war.

Lizzie Doron: „Ruhige Zeiten“, 2005, 175 Seiten. „Warum bist Du nicht vor dem Krieg gekommen?“, 2004, 130 Seiten. „Es war einmal eine Familie“, 2009, 144 Seiten. Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main.