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Nelly Sachs - Ein großes Leben und Werk wird der Vergessenheit entrissen

Heike Linde-Lembke

Sie war 75 Jahre alt, als sie 1966 den Literatur-Nobelpreis erhielt. Dafür ist Nelly Sachs die erste deutschsprachige Lyrikerin, die mit dieser höchsten literarischen Ehrung ausgezeichnet wurde. Fast schüchtern nahm die kleine zierliche Dichterin die Nobelpreis-Urkunde in dem Land entgegen, dass ihr seit 1940 Asyl bot. Die Berliner Jüdin Nelly Sachs musste vor dem Nazi-Terror fliehen. In Stockholm fand sie Sicherheit und eine kleine Wohnung. In der Ausstellung "Flucht und Verwandlung" zeigte das Jüdische Museum Berlin Leben und Werk der Nelly Sachs mit Fotos, Briefen, Manuskripten und unbekannten Film- und Tonaufnahmen. Die Ausstellung geht ab August 2010 auf Wanderschaft ins Jüdische Theater Stockholm, in Museen in Zürich und Dortmund.
Zur Ausstellung gab der Berliner Suhrkamp-Verlag die Bildbiografie „Flucht und Verwandlung: Nelly Sachs, Schriftstellerin Berlin/Stockholm“ von Ausstellungskurator Aris Fioetos heraus (320 Seiten, viele Abbildungen, 35 Euro).
Der Band ist unterteilt in Kapitel wie „Im Paradiesgärtlein“, „Der große Anonyme“, „Immer weniger Platz“, „Im Friedensschweden“, „Grabschriften in der Luft“, „Der Urpunkt“, „Das Adernetz der Sprache“, „Die Bosch- und Breughel-Höllen“, „Der Staub – flugbereit“ und „Apparat“. Die einzelnen Kapitel sind wiederum in weitere Segmente aufgeteilt, so dass die Bildbiografie auch ein hervorragendes Nachschlagwerk geworden ist, ergänzt von Personen- und Sachregister.
Nelly Sachs, am 10. Dezember 1891 als Leonie Sachs geboren, wuchs im Berliner Viertel Tiergarten auf, als einzige Tochter in einer säkularen Familie des gehobenen Bildungsbürgertums. „Eine „Einsamkeitshölle“ nannte die empfindsame Nelly ihre Kindheit und Jugendzeit. So empfindsam, wie Nelly Sachs war, noch verstärkt von einer zeitlebens unglücklichen Liebe zu einem Mann, so sehr hat sie doch den sechs Millionen von deutschen Nationalsozialisten und ihren Mitläufern ermordeter Juden im deutschen Machtbereich ein eindringliches Denkmal gesetzt - durch ihr Werk, aber auch durch ihre Präsenz.
Je zerbrechlicher sie wirkte, desto eindringlicher ihr Appell, die Ermordeten niemals zu vergessen. Vergessen ist indes heute sie, Nelly Sachs. Das war ihr eigener Wunsch, sie wollte „hinter meinem Werk gänzlich verschwinden“, wie sie 1959 in einem Brief an den Literaturhistoriker Walter A. Berendsohn schrieb. „Flucht und Verwandlung mit neuen, noch nicht publizierten Dokumenten soll sie wieder in die Öffentlichkeit holen und ihrem Werk Respekt verschaffen.
Durch die Liebe zu dem bis heute unbekannten Mann erleidet die damals 17-Jährige tiefe Depressionen. Immer wieder versuchte sie, in Sanatorien ihr Leben wieder meistern zu lernen. Sie schrieb ihren Schmerz auf, fasste den unglaublichen Schmerz über das entwürdigende Verlassenwerden in Worte und Gedichte - die Literatur wird ihr neues Leben. Heute zählt ihr Werk zur Weltliteratur.
Ihre ersten Gedichte veröffentlichte sie 1929. Doch währte ihre Präsenz in deutschen Zeitungen nicht lange. Als Hitler und seine braunen Nazi-Schergen die Macht in Deutschland ergriffen, nicht ohne, dass sie von 35 Prozent aller Deutschen gewählt wurden, darf Nelly Sachs nur noch in jüdischen Zeitungen veröffentlicht werden. Ihre Familie bricht schon vorher auseinander: Der Vater stirbt 1930, Nelly Sachs lebt allein mit ihrer Mutter. 1939 zwingen die Nazis auch die kleine Familie Sachs, Haus, Hab und Gut zwangsversteigern zu lassen.
Das thematisierte Nelly Sachs 1952 in einem Brief an die Entschädigungsbehörde so: „Bei einer Generalplünderung von Leuten, die sich ausgaben, vom Sturmkommando oder SS und SA zu kommen, wurde das, was ihnen gefiel, mitgenommen. Und da wir immer unter der Drohung von Anzeigen und Deportation lebten, wagte man keinen Einspruch zu erheben“. Einen Koffer darf sie behalten - am 16. Mai 1940 auf der Reise ins Exil nach Stockholm.
Doch so ohne weiteres durfte Nelly Sachs nicht in Schweden einreisen. Erst die Fürsprache der Schriftstellerin Selma Lagerlöf gewährte den begehrten Einlass. Mit Selma Lagerlöf war sie seit ihrer Jugendzeit befreundet.
Mit Übersetzungen finanzierte sie in der schwedischen Hauptstadt das Leben für ihre Mutter und sich, beide beengt in einer Ein-Zimmer-Wohnung aufeinander angewiesen. Ihre Sprache veränderte sich, einmal durch die Auseinandersetzung mit dem Schwedischen, andererseits durch ihre Antwort auf den Holocaust, auf die Shoah.
Sie fand zu den Wurzeln jüdischen Denkens, nahm die Lehren der Kabbala in ihre Gedicht-Gestaltung auf. Sie wurde zur „Dichterin jüdischen Schicksals“ (Behrendsohn). Gleich nach der Shoa erreichten ihre Gedichte auch wieder Deutschland. „In den Wohnungen des Todes“ heißt der Titel des ersten Gedichtbandes aus dem Exil, der 1947 im Berliner Aufbau-Verlgag erschien. In ihm sammelte Nelly Sachs 1943 geschriebene 13 „Grabschriften in die Luft geschrieben“. Sie erinnert mit diesem Band an die ermordeten Freunde, Verwandten und Bekannten, an die „toten Brüder und Schwestern“.
Ihr Lebensradius' in Stockholm war winzig. Ein Zimmer mit vier Quadratmetern, genannt „Kajüte“, denn Nelly Sachs hatte von ihrem Arbeitsplatz einen weiten Blick auf die Ostsee. Tisch, Bett, Lampe und Schreibmaschine - das Lebenszentrum der Nelly Sachs.
Freundschaften mit Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger, seit 1960 auch ihr Lektor im Suhrkamp-Verlag, Peter Hamm und anderen Autoren waren Brücken zur Außenwelt, dazu die Mitgliedschaft der Akademien in Darmstadt, München und Hamburg. Vor dem Nobelpreis erhielt sie 1965 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 1967 folgte die Ernennung zur Ehrenbürgerin von Berlin. Doch immer wieder musste Nelly Sachs aufgrund von Verfolgungsängsten in psychiatrischen Kliniken behandelt werden. Nelly Sachs starb am 12. Mai 1970 in Stockholm.
                                                                                         
Aris Fioretos: Flucht und Verwandlung, Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin/Stockholm, Eine Bildbiographie, Suhrkamp Verlag 2010, 320 Seiten,450 Abbildungen, 35 Euro. Jüdisches Museum Berlin, 25. März bis 27. Juni 2010
www.jmberlin.de
www.nellysachs.com
 
Ebenfalls im Berliner Suhrkamp-Verlag erschienen:
Nelly Sachs: Werke. Kommentiere Ausgabe in vier Bänden: Band I und II: Gedichte 1940 bis 1970, Aus dem Schwedischen von Paul Berf. 350 Seiten und 430 Seiten, je 44 Euro.