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Literatur - Sachbücher



Georg Keisler

"Rebellische Pianistin - Das Leben der Grete Sultan"

Ein Mediziner schreibt über eine große Musikerin


Heike Linde-Lembke

Was bewegt einen Kinderarzt, ein Sachbuch über eine Pianistin zu schreiben? Warum recherchiert er zehn Jahre, führt mehr als 30 Interviews, fliegt mehrmals nach New York, um sie zu treffen, sie, Grete Sultan. Um schließlich mit "Rebellische Pianistin - Das Leben der Grete Sultan zwischen Berlin und New York" ein hervorragendes Sachbuch vorzulegen. Moritz von Bredow ist dieser Kinderarzt, Norderstedter Kinder und ihre Eltern kennen ihn. Als Sammler von Einspielungen der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach lernte Moritz von Bredow Grete Sultans Interpretation dieses Werks kennen. "Das hat mich völlig überwältigt", sagt Bredow.

Grete Sultan war eine scheue Frau, aber eine rebellische Pianistin. Moden waren ihr egal. Sie ging ihren Weg, lebte in ihrer Musikwelt, suchte ihresgleichen. John Cage gehörte dazu. Der geniale Musik-Spaßmacher erkannte in Grete Sultan eine Frau, die so dachte und fühlte wie er. Sie interpretierte seine Kompositionen mit dem Purismus, den er sich wünschte. "Ich hatte schon in früheren Jahren so viel über ihn (John Cage) von Buhlig gehört, und er hatte viel über mich erfahren; so wussten wir ziemlich viel über uns. Ich war von ihm fasziniert", sagte Grete Sultan über Cage in einem Interview am 12. August 1988 (Buch Seite 230). Die aus Berlin vor ihrer durch den Nazi-Terror drohenden Vernichtung geflohene Pianistin und der kalifornische Klangerfinder trafen sich auf einem Bahnhof. Sie erkannten sich als zwei Wesensverwandte, besuchten einander, spielten einander vor, arbeiteten miteinander. Beide liebten das Experimentieren mit der Musik, beide liebten die Natur. Cage half Grete Sultan, endlich in der New Yorker Musikwelt anzukommen.

Schon in ihrer Jugend in Berlin fühlte sich Grete Sultan nur der Musik verpflichtet. 1906 wurde sie als Tochter einer jüdischen Bürgerfamilie geboren, in der seit Generationen die Musik aktiv gepflegt wurde. Ihre Eltern unterstützten stets ihr Ziel, Pianistin zu werden. In den 20er-Jahren war Berlin das Zentrum von Kunst und Kultur. Wilhelm Furtwängler war da und Bruno Walter, Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern, Feruccio Busoni und Claudio Arrau. Doch was machte Grete Sultan? Sie blieb zu Haus an ihrem Klavier. Allerdings ging sie zu den Konzerten von Busoni und Arrau. Als 15-Jährige. Immer wieder. Sie spielte Busoni vor, er nahm die Jugendliche ernst. Dann lernte sie Claudio Arrau kennen, der ihr zum Freund wurde. Sie gaben gemeinsam Hauskonzerte.

Grete Sultan studierte bei Curt Sachs und Leonid Kreutzer. Ernst Krenek war von ihrer Vorliebe für Neue Musik begeistert, die sie so richtig ausleben konnte, als Henry Cowell Berlin besuchte und sie seine Clusterklänge kennenlernte. Sie war fasziniert von den Klangverfremdungen, wollte die neuen Techniken kennenlernen, klebte Tasten ihres Flügels fest, um Obertöne klingen zu lassen. "Sie hatte eine gewisse Askese, die alles Äußerliche ablehnte", sagt Bredow. Ihre Welt war nicht das Forte, eher das Pianissimo, und sie zog analytische Klarheit der Verzierung vor.
Grete Sultan war eine Frau, die sich selbst genügte, die lernen wollte. Sie erforschte die Werke und ihre Komponisten bis sie meinte, sie zu verstehen. Das machte ihr Spiel authentisch. Lebenslang begleiteten sie die Goldberg-Variationen, die sie noch als 90-Jährige in der Carnegie-Hall spielte. Selbstverständlich ohne Noten.
Moritz von Bredow blättert ein ganzes Jahrhundert Musikgeschichte in seinem umfassend recherchierten Buch auf. Mit "Seitenblicken" stellt er nicht nur die Familie vor, die Großmütter und Tanten, das Leben in Berlin, sondern auch berühmte Musiker und Komponisten, denen Grete Sultan begegnete. Der Leser wird hineingezogen in diese schillernde Welt, die so brutal von der Hitler-Diktatur gebrochen und vernichtet wurde.
Grete Sultan, die 1947 Amerikanerin wurde, gab auch in Deutschland wieder Konzerte, und das mit großem Erfolg. Doch in Deutschland leben? Das konnte sie nicht mehr. Mit 95 Jahren erhielt sie das Bundesverdienstkreuz, aber dieser Versuch einer Würdigung ihrer hohen Lebensleistung kam zu spät - eine der vielen Peinlichkeiten, mit denen Nachkriegsdeutschland ein Stück Schuld am Holocaust tilgen wollte. Grete Sultan starb fünf Tage nach ihrem 99. Geburtstag am 26. Juni 2005 in New York. Moritz von Bredow hat am Abend vor ihrem Tod noch mit ihr gesprochen.
Was aber hat ihn als Mediziner bewogen, dieses Buch zu schreiben? "Ich habe eine innere Identität zum jüdischen Leben", sagt Bredow. Nach dem Abitur stand er vor der Wahl, ob er Musik oder Medizin studieren wolle. Er hat sich für Medizin entschieden. "Musik ist für mich unverzichtbar, aber in der Medizin, als Kinderarzt, finde ich meine Erfüllung", sagt Bredow. Zudem habe er schon als Student in Kiel an der Universitätsklinik Dienst gemacht: "Ich habe auf der Frühgeborenen-Station gearbeitet und kleine Kinder sterben sehen, das hat mich tief geprägt." Er sieht es als seine Pflicht an, Kindern über die Eltern Kultur zu vermitteln: "Man muss die Kinder vor Bespaßung schützen, denn Bespaßung reicht nicht aus, um Erfüllung im Leben zu finden."
Moritz von Bredow lernt jeden Tag. Von den Kindern. Von der Musik. Er nimmt Gesangsunterricht bei der ungarischen Sopranistin Théréza Fárkás in Hamburg-Langenhorn, Klavier-Unterricht bei seinem Lehrer in Berlin, singt in einem Berliner Kammerchor, unterstützt seit zehn Jahren die Londoner Stiftung The Keyboard Charitable Trust, für die er Auftritte junger Nachwuchs-Talente in Hamburg organisiert. Zwei bis drei Mal im Jahr gibt in seiner Hamburger Wohnung Hauskonzerte mit Profi-Musikern. Auch die Norderstedter Jung-Talente Daniel und Anton Gerzenberg waren schon zu Gast.
Das Vorwort zu "Rebellische Pianistin - das Leben der Grete Sultan" schrieb Alfred Brendel, den er nach einem Konzert traf. "Ich gehe immer zu den Künstlern und versuche, mit ihnen zu sprechen", sagt Bredow. Er konnte Brendel das Manuskript zeigen, und dieser sagte zu. Mit seinem Buch hat er auch gegen das Vergessen angeschrieben, gegen den Antisemitismus in Deutschland, in Europa, dagegen, dass 60 Prozent aller Deutschen eine "Strich drunter"-Mentalität äußern würden. "Doch wo geschwiegen wird, dort ist Schuld", sagt Moritz von Bredow.

"Rebellische Pianistin - das Leben der Grete Sultan zwischen Berlin und New York" ist im Schott Music Verlag, Mainz, erschienen, umfasst 320 Seiten mit Abbildungen und Faksimiles und ist für 29,99 Euro im Buchhandel erhältlich. www.schott-music.com  - (c) Heike Linde-Lembke