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Literatur - Sachbücher und andere Bücher



Georg Keisler

"Sie dichtete ihr Leben, und sie lebte ihre Dichtung", schrieb Marcel Reich-Ranicki über Mascha Kaléko.

Heike Linde-Lembke

dtv legt 37 Jahre nach dem Tod der großen Lyrikerin die erste kommentierte Gesamtausgabe ihrer Werke und Briefe vor und macht Werk und Korrespondenz der Dichterin Mascha Kaléko erstmals einem breiten Publikum in einer Edition zugänglich. Eine Glanzleistung in vier roten Bänden im Schuber. Die zu Lebzeiten und im Nachlass veröffentlichten Werke der Schriftstellerin wurden mit bisher Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften und mit unveröffentlichten Schriften aus dem Nachlass ergänzt.
Kalékos Briefe zeigen die literarische Entwicklung der Berliner Autorin eindrucksvoll. Doch auch ins private Leben der Dichterin, der Ehefrau, Mutter und Freundin gibt diese wertvolle Gesamtausgabe einen Einblick. Ihr regelmäßiger intellektueller Austausch mit Schriftsteller-Kolleginnen und -Kollegen wie Ingeborg Drewitz, Hilde Domin, Hermann Kesten, Walter Mehring und vielen anderen liefert kostbare literaturgeschichtliche Dokumente.

Band 1: Werke
Im ersten Band erscheinen ihre Werke streng chronologisch.

Besonders sehenswert sind die Faksimiles, beispielsweise vom Gedicht "Bleibtreu heißt die Straße" (In der Straße am Kudamm lebte Mascha Kaléko bis zu ihrer Flucht), in der die Dichterin einen dicken Strich durch ihre Zeilen zog, oder auch Abbildungen von Ausgaben, beispielsweise von "Das lyrische Stenogrammheft" vom 19. Februar 1956, in dem neben ihrem ersten Gedichtband das zweite, das "Kleine Lesebuch für Große" erschienen ist, oder auch Fotos, beispielsweise mit Ehemann Chemjo Vinaver in Zürich um 1967. Vor allem aber sind ihre Gedichte lesenswert, in der sie eine unglaubliche Lust am Wortspiel zeigt und diese genial in Gedichte formt - eine Sprachmeisterin, die zwischen Gefühl und Kalkül, zwischen Sentiment und Ironie bis zur Satire eine extrem feine, unnachahmlich Balance fand.
Besonders interessant sind die bisher noch nicht publizierten Gedichte aus dem Nachlass, dazu Zeitungsveröffentlichungen, die heute nicht mehr zugänglich sind, und die Originalfassung des im Exil entstandenen Bandes "Verse für Zeitgenossen", der in seiner ursprünglichen Form in Deutschland nie veröffentlicht wurde. Auch Mascha Kalékos journalistische Arbeiten und Werbetexte, mit denen sie sich ihr täglich Brot verdiente, ihre englischen Dichtungen und dramatische Entwürfe nahm dtv auf.

Band 2 und 3: Briefe Meine liebe Suse an Suse Weltsch, Ascona, November 1956, Chemjolein an Ehemann Chemjo Vinaver, Ascona, 1956, Ruthchen, liebes, an Ruth Liepman, Jerusalem, Mai 1968, Liebe Ingeborg Drewitz, Jerusalem, September 1973,..
Die mehr als 1400 Briefe sind ein Stück Zeitgeschichte mitten aus dem Leben: Erstmals erschienen neue Einblicke in Leben und Werk der Autorin. Mit Schriftsteller-Kolleginnen und -Kollegen tauschte Mascha Kaléko sich über Jahrzehnte rege und auf hohem intellektuellen Niveau aus. Die private Korrespondenz zeigt das Leben der Dichterin als Ehefrau, Mutter und Freundin. In den Briefen an Ehemann Chemjo Vinaver, die sie 1956 während ihrer ersten Deutschlandreise nach dem Krieg schrieb, sind ihr Wiedersehen mit der alten Heimat und ihre Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus eindrucksvoll dokumentiert.
Auch sprachlich stellt die Korrespondenz der Dichterin eine Besonderheit dar. Die Mischung ihrer deutschen Muttersprache mit Exil-Englisch, jiddischen und hebräischen Ausdrücken zeigt die Zerrissenheit, die sie mit so vielen Exilanten teilte. Alle fremdsprachigen Textstellen sind im Original und in Übersetzung enthalten.

Band 4: Kommentar
In dem umfassenden Band mit ausführlichen Anmerkungen,
Zeittafel, Textnachweisen, Werk- und Personenregistern und einem Nachwort der Herausgeberin Jutta Rosenkranz sind Mascha Kalékos Werke und Briefe erstmals gründlich erschlossen.
Mit dieser vierbändigen Ausgabe wird Mascha Kaléko, dieser großen deutschen Dichterin, endlich die Anerkennung gegeben, die so lange auf sich warten ließ.

Buchvorstellung im Rolf Liebermann Studio, NDR Hamburg:

Und das sagen Herausgeberin Jutta Rosenkranz, Nachlass-Verwalterin Gisela Zoch-Westphal und Richard Moritz vom Literaturhaus Hamburg zu der Gesamtausgabe in einer Podiums-Diskussion im Rolf Liebermann Studio des NDR, der ehemaligen Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hamburg an der Oberstraße:


Es war ein Abend von der Sorte Meilenstein. Ein Meilenstein für das Werk Mascha Kalékos, das jetzt als Gesamtausgabe mit vier Bänden im Schuber unter dem Titel "Mascha Kaléko -Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden" im dtv erschienen ist. Am Montag, 22. Oktober, stellten die Herausgeberin Jutta Rosenkranz, Mascha Kalékos Nachlass-Verwalterin Gisela Zoch-Westphal (Schauspielerin und Witwe des bekannten Schauspielers und Vorlesers Gerd Westphal) mit Rainer Moritz vom Hamburger Literaturhaus und der Schauspielerin Maria Schrader (Jaguar im Film "Aimee und Jaguar", "Rosenstraße", u.a.) als Rezitatorin der Kaléko-Gedichte und -Briefe das Werk an geschichtsträchtiger Stelle vor, nämlich im Rolf-Liebermann-Studio an der Oberstraße in Hamburg. Das Studio befindet sich in der ehemaligen Synagoge, die von der ersten Liberalen Jüdischen Gemeinde Hamburgs gebaut wurde und von der entscheidende Impulse liberalen jüdischen Lebens für ganz Europa ausging.

"Mascha Kaléko wurde lange unterschätzt, heute wollen wir sie feiern", leitete Rainer Moritz den Abend ein, um dann Gisela Zoch-Westphal zu bitten, von ihrer Bekanntschaft mit Mascha Kaléko zu erzählen. Zoch-Westphal lernte Mascha Kaléko im Juli 1968 in Zürich kennen, bei einem Abendessen, an dem auch Kaléko-Ehemann Chemjo Vinaver und der Berliner Dichter und Satiriker Walter Mehring teilnahmen. "Mascha Kaléko hat ihm 1933 das Leben gerettet, denn als Nazi-Schergen in Zivilkleidung das Romanische Café in Berlin stürmten, gab sie ihm ein Zeichen, er stand sofort auf, flüchtete zum Bahnhof Zoo und fuhr direkt nach Paris", erzählte Zoch-Westphal.
Wenige Monate nach dem denkwürdigen Abendessen wurde Zoch-Westphal in Zürich gebeten, Gedichte von Mascha Kaléko zu rezitieren. "Der Grund, warum sie nicht selbst las, war sehr traurig, sie hatte gerade ihren Sohn verloren", sagte Zoch-Westphal. Viele Menschen im Publikum hätten die Verse stumm mitgesprochen. Zoch-Westphal begleitete Mascha Kaléko bis zu deren letzter Lebenswoche. Einige Tage vor ihrem Tod vertraute Mascha Kalèko ihr ihren dichterischen Nachlass an. "Ich war erst verzagt, doch mein Ehemann hat mich ermutigt", sagte Zoch-Westphal.
Sie reiste nach Jerusalem, stieg in den siebten Stock des Hauses zu Kalékos Wohnung. "Der erste Stock sah noch wohlhabend aus, der zweite auch, doch dann wurde es immer ärmer", erinnerte sich Zoch-Westphal. Der Nachlass war sorgfältig in zwei großen Metallschränken geordnet. Sie bot allen deutschspachigen Rundfunk-Sendern Vortrags- und Leseabende an. Mit Erfolg.
"Mascha Kaléko hatte nach ihrer Emigration kein Zuhause mehr, nur noch die Liebe, und so wurde ihr Ehemann Chemjo Vinaver ihr Zuhause", sagte Zoch-Westphal. Als Chemjo Vinaver starb, war Mascha Kaléko endgültig heimatlos. Berlin war ihre ursprüngliche Heimat, die USA ein Zufluchtsort, in Jerusalem blieb sie fremd und lebte dort nur ihrem Ehemann zuliebe. "1974 hat sie noch einmal wunderbare Gedichte geschrieben", schwämte Zoch-Westphal.

Herausgeberin Jutta Rosenkranz las erstmals 1975 ein Gedicht von Mascha Kaléko in einer Zeitung. Es war das anrührende "Memento". Sie war sofort fasziniert, setzte sich mit der Nachlass-Verwalterin in Verbindung, forschte in Archiven und fand noch mehr als 250 Briefe, teilweise auf Englisch, oft aber auch durchzogen mit jiddischen, hebräischen und berlinerischen Begriffen. "Sie hat 4000 bis 5000 Briefe geschrieben", sagte Rosenkranz. Die Autorin und Journalistin hat die Nachlass-Gedichte nach Kalékos vorhandenen Plänen neu sortiert, so dass sie sich im Gesamtwerk wirkungsvoll entfalten können, weil der Leser die chronologischen Zusammenhänge besser versteht und somit auch den Inhalt der Gedichte.

Rosenkranz ging auf Mascha Kalékos gutes Verhältnis zu Hamburg ein, eine Stadt, die der Dichterin stets sehr wichtig war. Es war die Stadt, von der aus sie in die Emigration ging, und es war 1956 die erste Station, als sie Deutschland wieder betrat, um die Neuauflage der "Stenogrammhefte" im Rowohlt-Verlag vorzustellen. "Sie stand in einer Reihe mit Kurt Tucholsky, Erich Kästner und Walter Mehring", sagte Rainer Moritz. Das Geheimnis ihrer Lyrik sei ihr ureigener Ton, ihre Schnoddrigkeit, gepaart mit Lyrik, mit der sie Alltägliches in Gedichtform brachte. "Ihre Gedichte sind einfach zu lesen, aber die Inhalte sind niemals simpel", sagte Moritz.  Maria Schrader las die Gedichte und Briefe einfühlsam, gut dosiert im Sentiment.

Kurz-Vita:
Mascha Kaléko wurde am 7. Juni 1907 in Galizien geboren. In den 20er-Jahren wurde sie Mitglied der literarischen Bohéme Berlins, die sich vor allem im Romanischen Café am Kudamm traf. 1944 hatte sie mit der Gedichte-Sammlung "Lyrisches Stenogrammheft" den ersten Erfolg. 1938 musste sie in die USA emigrieren, 1959 zog sie nach Israel und lebte einsam und verarmt in Jerusalem. 1968 starb ihr geliebter Sohn, fünf Jahre später ihr Ehemann Chemo Vinaver. Kaléko: "Bedenkt, den eigenen Tod stirbt man nur; doch mit dem Tod der anderen muss man leben." (Werkband). Zwei Jahre später, am 21. Januar 1975, starb Mascha Kaléko in Zürich.
(Mascha Kaléko: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden, herausgegeben und kommentiert von Jutta Rosenkranz, dtv München, 4012 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 78 Euro.