CHAVERIM - Freundschaft mit Israel e.V.

Literatur - Sachbücher



Angelika Schrobsdorff

Angelika Schrobsdorff gibt die Briefe ihres Bruders an die Mutter heraus

Heike Linde-Lembke

Angelika Schrobsdorff war eine der erste Autorinnen, die aufschrieb, was der Familie während des Holocausts widerfahren war, die aufschrieb, was die Auswanderer in Israel erlebeten. Jetzt gibt sie die Briefe-Sammlung "Der Vogel hat keine Flügel mehr - Briefe meines Bruders Pete Schwiefert an usnere Mutter" im dtv-Verlag heraus (dtv 28008). Und landete prompt auf Platz 6 bis acht der Dezember-Bestenliste Der Süddeutschen Zeitung.
Angelika Schrobsdorff wurde am 24. Dezember 1927 in Freiburg im Breisgau geboren. Sie ist Jüdin und musste 1939 mit ihrer Mutter aus Berlin nach Sofia fliehen. Ihre Großeltern wurden in Theresienstadt ermordet. 1947 kehrte sie aus Bulgarien nach Deutschland zurück. Ihr erster Roman "Die Herren" sorgte 1961 aufgrund seiner Freizügigkeit für Aufruhr.
1971 heiratete sie in Jerusalem den Filmemacher Claude Lanzmann, wohnte danach in Paris und München und beschloss 1983, nach Israel auszuwandern. Seit 2006 lebt sie wieder in Berlin. Angelika Schrobsdorffs erfolgreichstes Buch ist "Du bist nicht so wie andre Mütter", ein Bestseller, der bislang allein als Taschenbuch fast 500.000 Mal verkauft und mit Katja Riemann in der Hauptrolle verfilmt wurde. Im Deutschen Taschenbuch Verlag sind viele ihrer Bücher erschienen, neben "Du bist nicht so wie andre Mütter" auch "Jericho. Eine Liebesgeschichte" und "Jerusalem war immer eine schwere Adresse". Beides sind sehr anrührend und spannend zu lesende Impressionen aus Israel.
In Originalausgabe erschienen bei dtv "Grandhotel Bulgaria. Heimkehr in die Vergangenheit", das von einer Reise der Autorin 1997 nach Bulgarien, dem Land ihres Exils 1939 bis 1947, erzählt, und der Erzählungsband "Von der Erinnerung geweckt". Schrobsdorffs Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt. 2007 wurde sie vom Deutschen Staatsbürgerinnen-Verband als Frau des Jahres ausgezeichnet. Die Jury sagte: "Wir ehren Angelika Schrobsdorff für ihr schriftstellerisches Gesamtwerk, in dem sie den Zeitgeist verschiedener Abschnitte der jüngeren Geschichte lebensnah gradlinig darstellt und uns damit und besonders mit ihrem Buch "Du bist nicht so wie andre Mütter" zeitgeschichtliche Dokumentationen und eine tiefgreifende, berührende Beschreibung ihrer Familiengeschichte und ihres persönlichen Lebensweges präsentiert."
Angelika Schrobsdorff sagte über ihren Bruder "Peter war wie eine Sternschnuppe in meinem Leben." Die Briefe Peter Schwieferts an die Mutter aus der Zeit, als sie mit den Töchtern Angelika und Bettina im bulgarischen Exil lebt, sind ein einzigartiges Dokument. Die Töchter wussten nicht, dass die Mutter Jüdin ist. Peter Schwiefert, der seine Mutter Else auch "Muttilein, meine Geliebte" per Brief ansprach, stand zu seiner Jüdischkeit und musste quer durch Europa fliehen. Die Briefe sind die eines jungen Mannes, der mit zärtlicher Sehnsucht an seiner Mutter hängt und nichts mehr erhofft als ein Wiedersehen, während der Krieg die beiden für immer trennt.
Peter, der 21-jährige Sohn aus bürgerlichem, assimiliertem Haus, verlässt Deutschland 1938. Er, der "Halbjude", erklärt sich als Jude und begibt sich auf eine Odyssee durch halb Europa und den Nahen Osten, bevor er mit den Truppen des freien Frankreich gegen Hitler kämpft. Ein politischer Kampf, aber auch ein persönlicher - für das, was für ihn größte Bedeutung hat, neben der Kunst und Schönheit die Freiheit und Würde.
Claude Lanzmann und Angelika Schrobsdorff kommentieren die Briefe in der Sammlung. Einige Fotografien und Faksimiles geben einen Einblick ins Leben der Geschwister und ihrer Mutter Else. Der Band ist ein zugleich ein familiäres wie auch ein zeitgeschichtliches Dokument (dtv, 293 Seiten, gebunden, 19,90 Euro).