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Literatur - Sachbücher



Heiko Morisse

Heiko Morisse: „Jüdische Rechtsanwälte in Hamburg: Ausgrenzung und Verfolgung im NS-Staat“

Heike Linde-Lembke

Hamburg - "Mein Vater wäre von dieser Anerkennung des Unrechts tief ergriffen gewesen", sagte Dr. Steven Muller (75) bei der Präsentation des Sachbuches "Jüdische Rechtsanwälte in Hamburg: Ausgrenzung und Verfolgung im NS-Staat" von Heiko Morisse. Der Autor und Richter am Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg während seiner jahrelangen Recherche über die verfemten jüdischen Rechtsanwälte Steven Muller kennengelernt, dessen Vater Werner Adolph Müller während des NS-Regimes von Kollegen erst verfemt, dann wie seine jüdischen Kollegen aus der Anwaltschaft ausgeschlossen wurde. "Mein Bruder Norbert und ich hatten eine heile Kindheit in Hamburg. Bis 1934. Der Trommelschlag der Hetze wurde unser ständiger Begleiter. Wir wurden von Hitlerjungen zusammengeschlagen, und darunter waren auch frühere Freunde", sagte Muller bei der Buch-Präsentation im Hamburger Warburg-Haus. Muller, der damals noch Stephan Müller hieß, stockt in der Erzählung seiner Erinnerung, fährt dann fort: "Am 9. November 1938 brannte die Synagoge am Bornplatz, und unser Vater wurde ins KZ Oranienburg verschleppt. Seine Familie blieb in Todesangst zurück. Wir halfen unserer Mutter bei der Aufrechterhaltung des Familienlebens, hörten nachts BBC und waren ständig in Lebensgefahr."
Als es Ende Januar 1939 plötzlich nachts an unserer Tür klopfte, dachten wir, jetzt holt uns die Gestapo, doch es war unser Vater. Mit einem britischen Visum in der Hand und der Auflage, Deutschland ganz schnell zu verlassen." Muller stockt in seiner Rede, noch heute ist der gestandene Geschäftsmann ergriffen über das Wunder, den Vater wiederzusehen. Und er fragt gleichzeitig: "Wer hat meinen Vater aus dem KZ heraus geholfen? Bis heute haben wir nicht erfahren, wer es war."
Der Vater ging nach London, die Familie folgte bald. Als der Krieg ausbrach, wurden Muller und sein Bruder aufs Land geschickt. Doch niemand wollte sie haben. Weil sie Deutsche waren. Aufgenommen wurden sie schließlich vom Deutsch-Lehrer. Rasch sprachen die Kinder fließend Englisch. Am 22. April 1940 liefen sie im Hafen von New York ein: "Ich wurde zu Steven Muller." Von New York ging es im Greyhound-Bus nach Süd-Kalifornien, dorthin, wo schon viele jüdische Flüchtlinge gezogen waren. Der Vater machte ein Hobby zum Beruf: Er kochte und belieferte das Militär mit Schokolade. Der Sohn wurde technischer Übersetzer und spielte in sieben Hollywood-Filmen mit, 1944 auch in Fred Zinnemanns "Das siebte Kreuz". 1948 erhielt er ein Stipendium für Oxford. Heute (2004) ist er Präsident der John Hopkins University in Baltimore.
"Im Dezember 1949 reiste ich auch wieder nach Hamburg. Ich hatte extrem negative Gefühle für Deutschland und die Deutschen", sagt Muller sehr beherrscht, ergänzt aber: "Ich war nicht vorbereitet auf die furchtbare Zerstörung Hamburgs. Auch die Deutschen haben gelitten." Im Hafen fand er eine alte Holzkiste wieder, die von der Familie vor der Flucht dort zurückgelassen werden musste. Die Kiste war aufgebrochen, der Inhalt gestohlen: "Ich fand aber noch meinen Teddybär, Spielzeug und Familien-Fotos."
Und er traf die Friseurin seiner Mutter: "Ihr Sohn und ich waren gleichaltrig. Er kam mit weißen Haaren aus der Gefangenschaft zurück. Das hat mich erschüttert, und meine Feindschaft schwand. Ich konnte zu Deutschland wieder eine Beziehung aufbauen und freute mich, Deutsch zu sprechen." Muller schloss wieder Frieden mit Hamburg, der Stadt "die mir das Herz gebrochen hat". Seine Mutter, so erzählt er weiter, habe bei der Veröffentlichung des Buches von Heiko Morisse geweint.
Morisse deckte in seinem Buch den Prozess der grausamen Entrechtung auf, die Hamburg wie alle deutschen Städte und Gemeinden erfasste. Die Juden wurden aus Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft verdrängt. Eine Zielgruppe waren auch die Rechtsanwälte, die von den eigenen Kollegen aus Amt und Würden, Richterstühlen und Kanzleien gedrängt wurden. Morisse hat die Biografien von 235 jüdischen Rechtsanwälten Hamburgs aufgedeckt. Die ersten Berufsverbote wurden bereits 1933 ausgesprochen, systematische berufliche Ausgrenzungen, Verhaftungen und Folter bis hin zur Deportation nach Auschwitz und Theresienstadt folgten. Viele Juristen nahmen sich das Leben, andere emigrierten nach England, USA und Israel. Nur wenige schafften es, ihren Beruf im fremden Land wieder aus zu üben. Von 132 emigrierten Rechtsanwälten sind nur 14 zurückgekehrt.
Morisse hat in seinem Sachbuch den Verfall der Hamburger Justiz ebenso minuziös nachgezeichnet wie die Biografien der jüdischen Rechtsanwälte. Er schildert anhand von Statistiken die Zusammensetzung der Hamburger Anwaltschaft, zeigt die Emigrationsbewegungen auf und erläutert Anwaltszulassungsgesetze und die "Rassengesetze". Heiko Morisse: "Jüdische Rechtsanwälte in Hamburg: Ausgrenzung und Verfolgung im NS-Staat", 192 Seiten, Christians Verlag, August 2004, 24 Euro.