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Literatur - Sach- und andere Bücher



Stolpersteine-HH Bände

Verfolgt, entwürdigt, ermordet:
Die Publikationsreihe "Stolpersteine" berichtet über 2700 Schicksale

Heike Linde-Lembke

Elsbet Flora Götz wurde von Max Liebermann gemalt. Der berühmte Maler war derart fasziniert von der jungen Frau, die von ihrer Familie liebevoll „Dicke“ genannt wurde, dass er ein Porträt von ihr anfertigte. Elsbet Götz war eine echte Hamburger Deern. Sie wurde am 25. Dezember 1901 in Hamburg geboren, wuchs in ihrer großen Familie in der Agnesstraße 55 in Hamburg auf, tobte mit ihren Cousins durch den Garten, besuchte ein Fröbelseminar, half in Kindergärten und Volksküchen, eröffnete im Haus ihrer Eltern einen privaten Kindergarten.
Das war Mitte der 1920er-Jahre. Elsbet Götz führte ein glückliches Leben. Bis 1933. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten. Plötzlich verließen viele Verwandte Deutschland, plötzlich wurde sie von vielen Freunden gemieden. Plötzlich wurde der beliebte Kindergarten geschlossen. Von den Nazis. Denn Elsbet Götz hatte einen entscheidenden Fehler. Sie war Jüdin. Die Familie verlor erst ihr Vermögen, dann ihr Haus. Ab 1941 musste Elsbet Götz Zwangsarbeit leisten. Im Spätsommer 1941 konnte sie in die Schweiz flüchten. Aber die Sorge um ihre Mutter trieb sie zurück nach Hamburg. Eine Blinddarm-Operation rettete sie gerade noch vor der Deportation am 6. Dezember 1941 nach Riga. Doch ein halbes Jahr später, am 19. Juli 1942, musste Elsbet Götz mit ihrer Mutter Dorothea und ihrer Tante Agnes den Deportationszug besteigen – ins KZ Theresienstadt. Dort fand sie sogar noch ein Stück Lebensglück und heiratete im September 1943 den Anwalt Dr. Wilhelm Dreyer. Das Glück währte nicht lange: Am 19. Oktober 1944 wurde das Paar nach Auschwitz deportiert und dort wahrscheinlich sofort nach der Ankunft im Gas ermordet. Ihre Mutter Dorothea wurde im Mai 1945 von sowjetischen Soldaten im KZ Theresienstadt befreit.
Jetzt hat Elsbet Götz wieder einen Namen. Auf dem Stolperstein vor den Haus Agnesstraße 55. Ihre Geschichte steht im vierten Band der Reihe „Stolpersteine“ der Landeszentrale für politische Bildung und des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden (Seite 96ff, „Stolpersteine in Hamburg-Winterhude. Biographische Spurensuche“ von Ulrike Sparr)
Mit „Stolpersteine in Hamburg-St.-Pauli“ von Christiane Jungblut und Gunhild Ohl-Hinz(2009) und „Stolpersteine in Hamburg-St.-Georg (2010) sind bis jetzt sechs Bände erschienen, in denen das Schicksal verfolgter, entwürdigter und ermordeter Juden, Homosexueller, Sinti und Roma, politisch Verfolgter, „Euthanasie"-Ermordeter, Zeugen Jehovas und weiterer, von den Nazis verfemter Menschen steht.
In den „Stolperstein“-Bänden stehen die Biografien, die Leidensgeschichten, illustriert mit Fotos,  ergänzt mit Dokumenten und manchmal auch Tagebuch-Aufzeichnungen. Insgesamt hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in Hamburg bisher 2700 Stolpersteine verlegt. Hamburg ist die Stadt Deutschlands mit den meisten Stolpersteinen. Gerade verlegte Demnig zehn Stolpersteine vor der Hamburger Universität – und weitere in Bad Segeberg, Pinneberg, Elmshorn und auf Helgoland.
Ulrike Sparr hat mit der „AnwohnerInnen-Initiative-Jarresstadt“ und dem Jahresstadt-Archiv mehr als 200 Biographien zu den in Winterhude verlegten Stolpersteinen erforscht und in der neuen Broschüre veröffentlicht. Zahlreiche Porträtfotos und Abbildungen der damaligen Wohnungen und Wohnhäuser der Opfer ergänzen diese Spurensuche durch den Stadtteil, in dem viele jüdische Familien wohnten und Menschen des politischen Widerstands gegen die Nazi-Diktatur lebten. Sie alle haben Winterhude maßgeblich geprägt, einem Stadtteil, in dem wie in keinem anderen Hamburger Stadtteil jüdische Familien lebten. So ist „Stolpersteine in Hamburg-Winterhude“ auch der umfangreichste Band. 
Bisher sind in der Publikationsreihe erschienen:
2007: Hildegard Thevs, Stolpersteine in Hamburg-Hamm. 
2008: Birgit Gewehr, Stolpersteine in Hamburg-Altona

2008: Astrid Louven/Ursula Pietsch, Stolpersteine in Hamburg-Wandsbek mit den Walddörfern. Mit Biographien von 64 Personen aus Wandsbek, (ehem.) Hinschenfelde, Bramfeld, Marienthal, Rahlstedt, Volksdorf und Wohldorf-Ohlstedt.
2009: „Stolpersteine in Hamburg-Winterhude. Ulrike Sparr
2009: „Stolpersteine in Hamburg-St.-Pauli“ von Christiane Jungblut und Gunhild Ohl-Hinz.
2010: „Stolpersteine in Hamburg-St.-Georg“ von Benedikt Behrens. Behrens und seine Mitautorinnen und -autoren haben die Biogra­phien von 191 Per­so­nen aus St. Georg re­cher­­chiert und in dem Band publiziert. Vor 70 Häusern wurden Stolpersteine verlegt. Ein Aufsatz schildert den Stadtteil während der Zeit des Nationalsozialismus. Ein Rundgang erinnert an die Biogra­phien Homosexueller und führt zu den Stätten homo­­sexu­ellen Lebens in St. Georg.
Mit Peter Hess und Johann-Hinrich Möller, den Initiatoren des Erinnerungsprojektes "Stolpersteine in Hamburg", hat die Landeszentrale für politische Bildung eine Datenbank entwickelt, in der die Namen der Opfer, Wohnorte und die auf dem Stolperstein vorhandenen Lebensdaten recherchiert werden können. Langfristig werden diese Informationen mit den Biografien der oben genannten Reihe vervollständigt: www.stolpersteine-hamburg.de

Alle Publikationen sind für zwei Euro im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung, Altstädter Straße 11, während der Öffnungszeiten von montags bis donnerstags 13.30 Uhr bis 18 Uhr und freitags von 13.30 Uhr bis 16.30 Uhr erhältlich.